Lesetipp: Manuela Fuelles neuer Roman „Wir kommen nach“ fordert seine Leser – und belohnt sie mit humorvoller Klugheit.

Geisterfahrer auf dem Weg ins Jenseits

Am Ende stellt sich die Erzählerin vor, ausgerechnet mit dem roten Kleinwagen ins Jenseits zu fahren, den sie noch bei der Beerdigung als so störend empfunden hat. Sie reist als „Geisterfahrerin“ und nach Absolvierung eines Onlinekurses „Ganz einfach transzendente Fähigkeiten erlangen“. Weil sie eine Person umsonst mitnehmen darf, sitzt ausgerechnet Phil neben ihr, der Ehemann, mit dem sie immer wieder so erbittert gestritten hat. Im Himmel aber treffen sie die verstorbene und doch so gegenwärtige Heide, die Schwiegermutter beziehungsweise Mutter der beiden Besucher. Sie erzählt. „Wir hören und das Gehörte gehört uns schon“. Ein besonderer, verrückter, poetischer Text, der für dieses Buch – aber auch für Manuela Fuelles Schreiben überhaupt – typisch ist: emotional und verspielt, assoziativ und komisch, voll Härte, ohne billigen Trost.

Neben dem Handlungs-Hauptstrang, der Beerdigung von Heide, berichtet der Roman Szenen aus dem gemeinsamen Leben. Es beginnt, als Phil die Erzählerin mit dem Hinweis auf den Kamin im Elternhaus verführt. Der Generationenunterschied der beiden Frauen – und bald Freundinnen – wird vor allem auch im Umgang mit den Männern deutlich: Wenn es um den Willen ihrer Söhne geht, empfindet die Erzählerin Heide als „devot“ und ist hin- und hergerissen, Heides dienende Rolle zu bewundern oder abzulehnen. Die alternde Heide will nicht mehr hadern. Sie will den Rest ihrer Zeit nur noch „in der Gegenwart verbringen“ und für die Familie da sein, während die Erzählerin noch meint, alles durchdenken, analysieren, lösen zu müssen. Beide werden aber auch in ihrer Widersprüchlichkeit gezeigt. Nichts ist so eindeutig, wie es scheint.

Der Leser wird gefordert, nicht zuletzt mit einer heftig wuchernden Erzählweise, mit schnellen Assoziationsketten, Brüchen aller Art, unvollständigen Sätzen. Auch in Bezug auf die Inhalte – Tod, Altern und andere existentielle Fragen – bleibt uns nichts erspart. Doch wer das nicht als unnötige Zumutung empfindet, sondern selbst auf der Suche ist, wer diesen erschütterten und erschütternden Text quasi als hilflose Lebenshilfe akzeptiert und aushält, wird mit einer außergewöhnlichen, letztlich sogar leichtfüßigen und humorvollen Klugheit belohnt.

Manuela Fuelle, Wir kommen nach. Roman. Stifter Verlag 2026, ISBN 978-3-910227-033, 18 €