Lesetipp: Ulrike Sabine Maiers Roman „Hinter tausend Stäben“ aus der edition federleicht begibt sich auf die Spuren einer widersprüchlichen Frau.
Emotionale Auseinandersetzung mit einer faszinierenden Frauenfigur: Ulrike Sabine Maiers Roman „Hinter tausend Stäben“.
Von Sylvia Schmieder.
Deutschland, in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Inge, aus gutem Haus, so intelligent wie labil, studiert Medizin und erfüllt damit ganz bewusst nicht die Erwartungen ihrer Zeit an eine junge Frau. Doch dann wird sie ungewollt schwanger. Luise wird geboren, und Inge flüchtet sich in eine Ehe, die nicht lange gut geht. Auch in der Mutterrolle versagt sie sehr offensichtlich: Sie gibt Luise wieder und wieder ab, zu Freunden, Verwandten, in ein Heim … Kein Wunder, dass Luise sich mit ihrer Mutter immer schwertun wird, bis zu deren Tod. Sie fühlt sich abgeschoben und ungeliebt.
Erst viel später begreift Luise die ganze Widersprüchlichkeit des Lebens ihrer Mutter, die mit den inneren und äußeren Kämpfen der Menschen in der NS-Zeit verbunden ist. Einerseits wurde die berühmte Pianistin Elly Ney, umschwärmter Teil der NS-Elite, ihre nahe Freundin. Gleichzeitig aber engagierte sie sich in der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Wie geht das zusammen?
Ulrike Sabine Maier gelingt es, eine biofiktionale Geschichte bis in die feinen Verästelungen ihrer Komplexität nachzuzeichnen. Im Zentrum des Romans stehen drei Frauengenerationen. Die Enkel, die Zwillinge Roja und Susanne, drängen lange nach dem Tod der Großmutter darauf, dass ihre Mutter Luise sich endlich ihrer Vergangenheit stellt. So pendelt das Geschehen zwischen den Zeiten, taucht bis in die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts ab und ist doch auch im Heute verankert. Erzählt wird nicht chronologisch, nicht nur aus der Perspektive von Luise. Stattdessen webt Maier ein bezugreiches Geflecht aus verschiedenen Perspektiven und Zeiten. Die emotionale Sprache lässt Sätze und Bilder ineinanderfließen, zeigt die Atemlosigkeit der Zeit. Und Inge ist eine ungeheuer spannende Protagonistin, in ihrer fast religiösen Schwärmerei für die Schönen Künste, ihrer psychischen Labilität, aber auch in diesem besonnenen, realistischen Mut, wenn es um die Unterstützung des Widerstands geht.
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