Autorenporträt Joachim Zelter: Er schreibt auf dem Rennrad, wartete lange auf seine erste größere Veröffentlichung und meint: Ein guter Text will nicht unbedingt „gut“ sein.

Bild: Yvonne Berardi

Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich selbst beim Schreiben zusehen – wo und wie schreiben Sie?

Ich schreibe in meinem Kopf, in aufzuckenden Gedanken und Ahnungen, und stelle mir vor, wie das Geschriebene, wenn alles gutgeht, irgendwann einmal sein könnte. Oft schreibe ich auf meinem Rennrad. Es ist für mich ein rollender Schreibtisch, unter freiem Himmel, umgeben von vorbeiziehenden Landschaften. An den steilsten Anstiegen (oder Abfahrten) überschlagen sich die Gedanken. Erst ganz zum Schluss sitze ich dann in meiner Wohnung an einem gewöhnlichen Schreibtisch und schreibe das Geschriebene an meinem PC nieder.

Und wie machen Sie Pause?

Es gibt kaum Pausen.

Wie ist es zu Ihrer ersten (größeren literarischen) Veröffentlichung gekommen?

Das waren die „Briefe aus Amerika“, mein erster Roman, für den ich weit und breit keinen Verlag fand, trotz endloser Bemühungen. Mein erster Verleger, Sergiu Stefanescu, hörte von meiner erfolglosen Suche und dachte sich: Ein derart abgelehnter Autor muss entweder außergewöhnlich schlecht oder außergewöhnlich gut schreiben. Nach Lektüre des Manuskripts entschied er sich für die zweite Variante, gründete den Ithaka Verlag (in Stuttgart) und veröffentlichte den Roman. Das war vor mehr als 20 Jahren, im Jahr 1998.

Woran erkennen Sie einen guten Text?

An dem Sog, dem unverwechselbaren Ton, der Wesensart eines Schreibenden – oder besser noch: Sprechenden. Als würde ein Text zu mir sprechen. Peter Weiss nennt es die Glut einer inneren Überzeugung. Ein „guter“ Text will nicht unbedingt „gut“ sein. Im Gegenteil: Er nimmt seine Grenzen und Abgründe in Kauf. In den Worten Heinrich Bölls: „Man hört nicht dadurch, dass man etwas Schlechtes macht, auf, ein Künstler zu sein, sondern in dem Augenblick, in dem man anfängt, alle Risiken zu scheuen.“

Was bestimmt Ihren Alltag – neben dem Schreiben?

Es ist die Einsamkeit des Schreibenden, der selbst dann einsam ist und einsam bleibt, wenn er nicht schreibt.

Joachim Zelter, in Freiburg geboren, studierte und lehrte Literatur in Tübingen und Yale. Seit 1997 ist er freier Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, u.a. »Die Würde des Lügens« (2000), »Schule der Arbeitslosen« (2006) und »Der Ministerpräsident« (2010), der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Zuletzt erschien »Im Feld« (2018), das mittlerweile in der dritten Auflage vorliegt. Seine Romane waren mehrfach auf der SWR-Bestenliste und wurden ins Französische, Italienische, Türkische und in andere Sprachen übersetzt. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen: u.a. das Landesstipendium Baden-Württemberg, das Esslinger Bahnwärterstipendium, das große Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, die Fördergarbe der internationalen Bodenseekonferenz, der Thaddäus-Troll-Preis sowie 2019 der Preis der LiteraTour Nord. Überdies Hörspiele und Theaterstücke, die an deutschen und österreichischen Bühnen gespielt werden.

www.joachimzelter.de

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