{"id":7314,"date":"2026-06-02T16:30:15","date_gmt":"2026-06-02T14:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=7314"},"modified":"2026-06-02T16:30:15","modified_gmt":"2026-06-02T14:30:15","slug":"lesetipp-der-geschmack-gelber-tomaten-von-hilda-m-jannsen-ist-ein-beispiel-fuer-einen-unbedingt-lesenswerten-roman-mit-feiner-charakterzeichnung-und-ueberraschenden-wendungen-der","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=7314","title":{"rendered":"Lesetipp: \u201eDer Geschmack gelber Tomaten\u201c von Hilda M. Jannsen ist ein Beispiel f\u00fcr einen unbedingt lesenswerten Roman mit feiner Charakterzeichnung und \u00fcberraschenden Wendungen, der ganz ohne \u201erichtigen\u201c Verlag auskommt."},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte beginnt mit einer doppelten Irritation: Wir befinden uns im Freiburg des Jahres 2027, nahe unserer Gegenwart, und doch ist vieles anders. Die Stadt wird von einem Pflanzenturm versorgt, der von der Agraringenieurin Hannelore Hellmann entwickelt wurde. Das hat seinen Grund: Die Sonneneinstrahlung erlaubt kein normales Leben mehr. Nicht nur Pflanzen haben ohne sch\u00fctzende Folien und Klimaregelung kaum eine Chance, auch Menschen und Tiere ertragen das Drau\u00dfen nur noch f\u00fcr Minuten. Die Wohnfl\u00e4che pro Mensch, der Umgang mit Fahrzeugen, Lebensmitteln und Abfall sind strikt reglementiert. Dem Energiekonzept sind Wasserspiele ebenso zum Opfer gefallen wie die Vielfalt von Kultur und Kunst. Immerhin: Die Versorgung scheint gesichert, und die Freiburger sind stolz auf die herausragenden Leistungen ihres Systems, das von anderen St\u00e4dten kopiert wird.<\/p>\n<p>In diese fragile Situation platzen unerwartete St\u00f6rf\u00e4lle. Hellmann kommt dem Saboteur ihrer Agrarfabrik zwar schnell auf die Schliche, kann sich aber nicht offen gegen ihn wenden, weil er m\u00e4chtige Verb\u00fcndete hat. Ihr Chef zwingt sie, die Lichteinstrahlung im Pflanzenturm zu verl\u00e4ngern, um den Ertrag zu steigern. Schlechte Ernten und geschmackloses Gem\u00fcse sind die Folge. Hellmann verliert ihren Job, dann auch die Wohnung, die Freiheit. Kollegin Elli, die versucht, zu retten, was zu retten ist, spricht von ihrer \u201eAversion gegen dieses ewige Licht, diesen st\u00e4ndigen Zwang zu wachsen, Leistung zu bringen und das Richtige zu sagen und zu tun\u201c und formuliert damit die \u00c4ngste und das Lebensgef\u00fchl aller Beteiligten.<\/p>\n<p>Kleiner Spoiler, der dem Plot nichts von seiner Spannung nimmt: Der Roman endet mit einem wunderbar gelassenen Kapitel. Und die \u201eB\u00f6sewichte\u201c erweisen sich als Menschen mit guten Absichten, w\u00e4hrend die \u201eGuten\u201c auch zu Nutznie\u00dfern von Reichtum und Beziehungen geworden sind. Anspruchsvolle Leser werden die psychologisch differenziert gezeichneten Charaktere genie\u00dfen, so auch das besondere Temperament der Protagonistin Hellmann, ihre unbeugsame, um nicht zu sagen sture Selbstsicherheit. Sie reagiert auch mit Wut und R\u00fccksichtslosigkeit, die man ihr doch verzeiht, schon weil sie gegen die Depression helfen, die sie sonst handlungsunf\u00e4hig machen w\u00fcrde. Ein gut lesbarer und dennoch komplexer Roman f\u00fcr ein gro\u00dfes Publikum.<\/p>\n<p><em>Hilda M. Jannsen, Der Geschmack gelber Tomaten, Roman. BoD, 2026, 12 \u20ac.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte beginnt mit einer doppelten Irritation: Wir befinden uns im Freiburg des Jahres 2027, nahe unserer Gegenwart, und doch ist vieles anders. Die Stadt wird von einem Pflanzenturm versorgt, der von der Agraringenieurin Hannelore Hellmann entwickelt wurde. 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