{"id":6409,"date":"2024-11-12T16:49:38","date_gmt":"2024-11-12T15:49:38","guid":{"rendered":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=6409"},"modified":"2024-11-12T16:51:08","modified_gmt":"2024-11-12T15:51:08","slug":"lesetipp-von-sylvia-schmieder-keine-leichte-aber-lohnende-lektuere-die-lyrikanthologie-ah-ein-herz-verstehe-herausgegeben-von-jakob-leiner-versammelt-101-dichtende-aus-fuenf-j","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=6409","title":{"rendered":"Lesetipp von Sylvia Schmieder: Keine leichte, aber lohnende Lekt\u00fcre. Die Lyrikanthologie \u201eAh, ein Herz, verstehe\u201c, herausgegeben von Jakob Leiner, versammelt 101 Dichtende aus f\u00fcnf Jahrhunderten zum Thema Krankheit und Heilung."},"content":{"rendered":"<p>Entspannt schm\u00f6kern kann man eher nicht, in einem Lyrikband, der mit Cholera, Syphilis und Depressionen jongliert statt mit Waldesrauschen und Liebessehnsucht. Ich habe nach der Lekt\u00fcre nicht unbedingt einen Arzt gebraucht, aber man macht doch viel durch, von totaler Desillusionierung in Bezug auf menschliche K\u00f6rpers\u00e4fte \u00fcber den Morphiumrausch bis hin zum Wahnsinn vergangener Kriege. Dennoch habe ich die \u201eGedichte von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren\u201c mit viel Gewinn gelesen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Herausgeber Jakob Leiner, selbst Arzt und Lyriker, vom Vorwort bis zu den \u201eBiogrammen\u201c am Ende der Anthologie sorgf\u00e4ltig und liebevoll gearbeitet hat.<\/p>\n<p>Zwischendurch fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, dass so viel Recherche- und Sammelleidenschaft in Sachen Krankheit und Tod wohl nur ein ziemlich junger Mensch entwickeln (und durchhalten!) kann, der sich von all dem noch weit entfernt f\u00fchlt. Trost spenden n\u00e4mlich auff\u00e4llig wenige der ausgew\u00e4hlten Verse. Die meisten sehen einfach hin. Und die \u2013 f\u00fcr mich \u2013 sch\u00f6nsten schaffen es dennoch, mich zum L\u00e4cheln zu bringen, wie die der Renaissance-Dichterin Louise Lab\u00e9, die ihre Gef\u00fchle so erstaunlich direkt und modern flie\u00dfen l\u00e4sst. Wilhelm Klemm war f\u00fcr mich ebenfalls eine Neuentdeckung: ein so ausdrucksstarker wie witziger Lyriker, der zwischen den Weltkriegen ver\u00f6ffentlicht wurde und dann in Vergessenheit geriet. Oder Alfred Lichtenstein, unter anderem mit \u201eIn der Lungenheilst\u00e4tte\u201c: drastisch, komisch, am Schluss ein eigenwilliger Dreh ins Zart-Poetische. Auch von Erich K\u00e4stner und Robert Gernhardt findet man gro\u00dfartige Verse, die nicht jeder kennt.<\/p>\n<p>Am Schluss eine kleine Parade der Krankheiten und Traumata heutiger Dichterinnen und Dichter. Bemerkenswert, wie sehnsuchtsvoll Clemens Johann Setz seinen \u2013 verschwundenen \u2013 Tinnitus besingen kann. Zwei Texte von Tara Meister, der Spoken-Word-K\u00fcnstlerin, beenden die Anthologie und beweisen, dass wir alle, gleich welchen Alters, schon jetzt unsere Vor-Tode erleben m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Jakob Leiner (Hrsg.), Ah, ein Herz, verstehe. Gedichte von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren. Quintus Verlag,2024, 280 Seiten, 25 \u20ac<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entspannt schm\u00f6kern kann man eher nicht, in einem Lyrikband, der mit Cholera, Syphilis und Depressionen jongliert statt mit Waldesrauschen und Liebessehnsucht. 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