{"id":6379,"date":"2024-11-09T11:15:44","date_gmt":"2024-11-09T10:15:44","guid":{"rendered":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=6379"},"modified":"2024-11-09T11:15:44","modified_gmt":"2024-11-09T10:15:44","slug":"lesetipp-von-sylvia-schmieder-poetische-appelle-der-erzaehlband-keiner-mehr-da-von-ute-bales-zeigt-die-besondere-staerke-der-autorin-schonungslosigkeit-und-sensibilitaet-zu-verein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=6379","title":{"rendered":"Lesetipp von Sylvia Schmieder: Poetische Appelle. Der Erz\u00e4hlband \u201eKeiner mehr da\u201c von Ute Bales zeigt die besondere St\u00e4rke der Autorin, Schonungslosigkeit und Sensibilit\u00e4t zu vereinen."},"content":{"rendered":"<p>Ute Bales, bekannt als Romanautorin, die mutig und vielschichtig von Vergangenheit wie Gegenwart erz\u00e4hlt, legt mit \u201eKeiner mehr da\u201c einen neuen Band mit Erz\u00e4hlungen vor, die den Vergleich mit den Romanen nicht scheuen m\u00fcssen. Ihr unbestechlicher Blick auf die H\u00e4rte der Realit\u00e4t hat in der kurzen Form sogar etwas besonders Entwaffnendes. Wie alle Texte des Buches nimmt auch die erste Erz\u00e4hlung \u201eStress\u201c eine wahre Begebenheit zum Anlass. Ein Vater vergisst seine kleine Tochter f\u00fcr einige Stunden im Auto, was sie nicht \u00fcberlebt. Dennoch kann man dem tragischen Protagonisten am Ende keinen Vorwurf machen, im Gegenteil. Der detailgenaue Blick auf die permanente \u00dcberforderung des modernen Menschen, bis zum Zerrei\u00dfen angespannt zwischen privater und beruflicher Verantwortung, l\u00e4sst uns begreifen, wie risikobehaftet der Alltag ganz normaler, gutwilliger Mitglieder unserer Gesellschaft geworden ist.<\/p>\n<p>Auch die mehrteilige Erz\u00e4hlung \u201eAmerika\u201c zeichnet in feinen Strichen einen eindrucksvollen Protagonisten, der dennoch scheitert. Der Vater eines auswandernden Bruderpaars im 19. Jahrhundert ertr\u00e4gt tapfer Einsamkeit und Armut und bringt es schlie\u00dflich sogar fertig, eine eigentlich unm\u00f6gliche Reise zu realisieren, um den beiden das Erbe zu bringen \u2013 das ihm unterwegs gestohlen wird. Sp\u00e4testens in \u201eAlles im Kopf\u201c wird es dann wunderbar poetisch. Es geht um die musikalische Fantasie und syn\u00e4sthetische Wahrnehmung eines Jungen, der vor dem zweiten Weltkrieg auf dem Land aufw\u00e4chst und mit seiner Begabung nicht ernst genommen wird. Als seine Musik im Radio gesendet wird, sind die Reaktionen der Dorfbewohner ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr den sanften, immer auch einf\u00fchlsamen Humor der Autorin. \u00dcberhaupt sind unbarmherzige Darstellungen von Ungerechtigkeit und Grausamkeit und innig-lyrische Naturbeschreibungen bei Bales kein sich ausschlie\u00dfender Gegensatz. In der Erz\u00e4hlung \u201eEine Respektlosigkeit\u201c zum Beispiel schwebt und schwingt die Eifler Heimat immer mit, was das furchtbare Ende der beiden M\u00f6nche umso heftiger wirken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>LeserInnen ihrer Romane werden auch Themen und Figuren aus ihnen wiedererkennen. Dennoch sind die Erz\u00e4hlungen viel mehr als Vorstudien oder \u201eBeifang\u201c, daf\u00fcr haben sie zu viel Eigenleben. Die ganz gro\u00dfen Fragen werden gestellt: nach Tod und Verg\u00e4nglichkeit zum Beispiel. Im titelgebenden Text \u201eKeiner mehr da\u201c wei\u00df der Vater l\u00e4ngst Bescheid, w\u00e4hrend die Tochter noch versucht, die schmerzhafte Wahrheit zu verdr\u00e4ngen:<br \/>\n<em>Irgendwann kommt ihr heim und dann ist keiner mehr da, sagte mein Vater. Ich empfand fast so etwas wie Mitleid mit ihm, dem die Zeit gestundet schien, anders als mir, die ich das Leben noch vor mir hatte. Seine Gedanken ber\u00fchrten mich nicht. Sein Irgendwann lag in einem fernen Dunst, weit hinter dem Mond und allen Planeten.<\/em><\/p>\n<p>Wie in einigen ihrer Romane geht es auch in diesem Band viel um die Eifel, ihre Natur, ihre Menschen. Gerade im letzten Drittel betrauern einige Texte die Zerst\u00f6rung der Natur in ihrem ganzen Schrecken, klagen sie an. F\u00fcr mich sind solche \u201epoetischen Appelle\u201c eine besondere St\u00e4rke der Autorin Ute Bales, weil es ihr dank ihrer Schreibkunst gelingt, Schonungslosigkeit und Sensibilit\u00e4t zu vereinen.<\/p>\n<p><em>Ute Bales, Keiner mehr da. Rhein-Mosel-Verlag 2024 255 Seiten, ISBN 978-3-89801-477-9, 13,50 EUR<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ute Bales, bekannt als Romanautorin, die mutig und vielschichtig von Vergangenheit wie Gegenwart erz\u00e4hlt, legt mit \u201eKeiner mehr da\u201c einen neuen Band mit Erz\u00e4hlungen vor, die den Vergleich mit den Romanen nicht scheuen m\u00fcssen. 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