{"id":5834,"date":"2024-03-29T10:46:58","date_gmt":"2024-03-29T09:46:58","guid":{"rendered":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=5834"},"modified":"2024-03-29T10:46:58","modified_gmt":"2024-03-29T09:46:58","slug":"lesetipp-von-ute-bales-zusammen-bleiben-der-neue-roman-von-sylvia-schmieder-ist-ein-beruehrendes-portrait-einer-zeit-und-seiner-menschen-das-unter-die-haut-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=5834","title":{"rendered":"Lesetipp von Ute Bales: &#8222;zusammen bleiben&#8220;, der neue Roman von Sylvia Schmieder, ist ein ber\u00fchrendes Portrait einer Zeit und seiner Menschen, das unter die Haut geht."},"content":{"rendered":"<p><em>Erstaunlich, was sich erleben l\u00e4sst, wenn man die eigene Familiengeschichte durchforscht. <\/em><\/p>\n<p>Sylvia Schmieder beginnt ihren 324 Seiten starken fulminanten Familienroman mit einer heiteren Szene: Die Gro\u00dfmutter breitet die Arme aus und Claudia, die Enkelin, rennt in sie hinein \u201ewie ein Pfennig in einen Magnet.\u201c Diese beiden Frauen bilden die Klammer des Romans, der sich dann in 30 Kapiteln entfaltet. Die Gro\u00dfmutter Mari, die im Dreil\u00e4ndereck Ungarn-Slowakei-\u00d6sterreich aufw\u00e4chst, will Schriftstellerin werden. Ihr Mann Ludwig hat andere Dinge im Kopf. Die Nazis bieten ihm Perspektiven und Mari zieht mit ihrem Mann und den Kindern nach Frankfurt, bereut aber bald, ihm gefolgt zu sein. Es sind nicht nur der Krieg und Ludwigs Arbeit bei der Waffen SS, sie vermisst ihr Land und ihre Sprache. Als Ludwig eine Aff\u00e4re beginnt, geht sie zur\u00fcck in die Slowakei. Dort wird 1944 ihr Bruder Peter wegen seiner kritischen Berichterstattung als Journalist von der Gestapo verhaftet und nach Mauthausen verschleppt. Etwa zeitgleich beteiligt sich Ludwig an Massenerschie\u00dfungen in der Ukraine.<\/p>\n<p>Der andere Strang des Romans erz\u00e4hlt die Geschichte der Enkelin Claudia, die nicht nur von der Sprachenvielfalt der Gro\u00dfmutter fasziniert ist. F\u00fcr sie ist die Gro\u00dfmutter ein Anker, eine \u201eMenschenmischerin\u201c, wie sie sie nennt, die sich, wie niemand sonst, auf die Kunst der Worte versteht. Wenn sich die Gro\u00dfmutter mit ihrer Familie unterh\u00e4lt, dann sind sie \u201edie Familie mit den besonderen W\u00f6rtern\u201c. Die Gro\u00dfmutter ist auch diejenige, die Kraft gibt: \u201eWenn sie sich umarmten, schossen Claudia die Kr\u00e4fte nur so in die Glieder, dass sie gleich weiterlaufen musste, die F\u00e4uste ballte und schrie \u2026.\u201c (Seite 5) Eine der Schl\u00fcsselszenen des Romans findet sich gleich zu Beginn. Die Gro\u00dfmutter zeigt ihrer Enkelin, wie sie aus dem, was im eigenen Garten w\u00e4chst, eine Kr\u00e4uterolle macht: Sauerampfer, Petersilie, Pimpinelle, Schnittlauch, Estragon, Boretsch. \u201eDie Rolle schmeckte scharf, sauer und bitter zugleich, sogar ein wenig S\u00fc\u00dfe steckt in ihr \u2013 also schmeckte sie eigentlich nach allem \u2026 \u201c (Seite 11) Diese unterschiedlichen Ingredienzen versinnbildlichen die \u201eWildnis\u201c dieser verzweigten Familienkonstellation und Claudia sp\u00fcrt, wie sie beim Verzehr der Kr\u00e4uterrolle \u201eTeil des Undurchdringlichen, Unverst\u00e4ndlichen wird.\u201c (Seite 12)<\/p>\n<p>Was sich bei der Gro\u00dfmutter als sprachliche und emotionale Energie entl\u00e4dt, sucht Claudia bei der eigenen Mutter vergeblich. In ihrem Verh\u00e4ltnis gibt es eine Leerstelle, die beide auf unterschiedliche Weise zu f\u00fcllen versuchen. Die Mutter spricht kaum \u00fcber Widerfahrenes, obwohl sie Krieg und Flucht erlebt hat. Aufopfernd k\u00fcmmert sie sich um Claudias behinderten Bruder und sp\u00fcrt nicht, wie die eigene Tochter leidet und zusehends vereinsamt. \u00dcberhaupt bemerkt niemand die N\u00f6te des M\u00e4dchens, selbst dann nicht, als Claudia eine Magersucht entwickelt. \u201eSie trank auch nur noch Wasser, das fiel gar nicht auf. Gar nichts von all dem fiel auf, wie immer, ihre Mutter hatte andere Sorgen, ihr Vater war bei der Arbeit oder spielte Klavier und ihre Geschwister verstanden nichts, ganz wie sie selbst\u201c. (Seite 203).<\/p>\n<p>Mit den Frauenfiguren ihres Romans gibt Sylvia Schmieder dem Krieg ein weibliches Gesicht. Auf gewisse Weise ist das Buch der Versuch, zwischen drei Generationen zu vermitteln. Indem die Autorin Szenen aus dem Alltag herausgreift, kleine Momente und Episoden, Streitereien und Wortwechsel, Sorgen, N\u00f6te und verpasste Gelegenheiten, lotet sie gleichzeitig die Untiefen der Lebensumst\u00e4nde aus, das nicht zu Verstehende, das Unergr\u00fcndliche, die Risse, die sich durch die Familie ziehen. \u201eEr steht langsam auf, zieht sich in sein ehemaliges Arbeitszimmer zur\u00fcck und kramt in den Resten seines B\u00fcndels, dessen br\u00fcchige Schnur er gestern mit eine unheimlichen Mischung aus Seufzen und St\u00f6hnen zerrissen hat.\u201c (S. 297)<\/p>\n<p>Sylvia Schmieder erweist sich mit ihrer bilderreichen Sprache als feinsinnige Beobachterin: \u201eSie sieht einem Amselp\u00e4rchen auf dem Rasen zu, wie es nasse Bl\u00e4tter beiseite wirft, W\u00fcrmer pickt. Sie h\u00f6rt dem Wasserhahn zu, der tropft, aber ganz langsam, w\u00e4hrend es sich drau\u00dfen einregnet. Es ist, als bek\u00e4me das Haus eine G\u00e4nsehaut.\u201c (Seite 83)<\/p>\n<p>Der opulente Roman, akribisch recherchiert, zeigt die Auswirkungen der NS-Zeit bis in die dritte Generation und macht deutlich, dass die Geschichte von Nazi-Diktatur und Holocaust Menschheitsgeschichte ist. Niemand kann sich herausnehmen, jeder leidet f\u00fcr sich. Ganz besonders, wenn die Auseinandersetzung fehlt. Die Kapitel f\u00fcgen sich am Ende zusammen und zeigen, wie fest, aber auch wie zerrissen Familienbande sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was Claudia betrifft, so ist am Ende klar: Ohne den Krieg und seine Folgen w\u00e4re aus ihr ein ganz anderer Mensch geworden. Was macht uns schlie\u00dflich zu dem, was wir sind?<\/p>\n<p>Im letzten Kapitel verneigt sich die Gro\u00dfmutter mit einem anr\u00fchrenden Satz vor ihrer Enkelin: \u201eDas war ja ein St\u00fcckchen Leben, du konntest es nur nicht richtig erkennen \u2026\u201c (Seite 320)<\/p>\n<p>\u201eZusammen bleiben\u201c ist ein ber\u00fchrendes Portrait einer Zeit und seiner Menschen, das unter die Haut geht. Unbedingt empfehlenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstaunlich, was sich erleben l\u00e4sst, wenn man die eigene Familiengeschichte durchforscht. 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