{"id":5440,"date":"2023-05-01T15:39:57","date_gmt":"2023-05-01T13:39:57","guid":{"rendered":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=5440"},"modified":"2023-05-01T15:39:57","modified_gmt":"2023-05-01T13:39:57","slug":"lesetipp-von-norbert-gehlen-im-kielwasser-der-zeit-von-maria-bosse-sporleder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freiburger-schreibkiste.de\/?p=5440","title":{"rendered":"Lesetipp von Norbert Gehlen: \u201eIm Kielwasser der Zeit\u201c von Maria Bosse-Sporleder"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcberlebensk\u00fcnstler im wogenden Meer der Geschichte <\/strong><\/p>\n<p>Mit ihrer Stimme, die mal zart, mal kraftvoll klingt, zieht die \u00e4ltere Dame die Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer gleich in ihren Bann. Die \u201eKulturkapelle\u201c in Freiburg-G\u00fcnterstal bietet einen w\u00fcrdigen Rahmen f\u00fcr diese Lesung, zu der sich etwa 25 Menschen eingefunden haben. Schwer zu glauben, dass die Frau, die da aus ihren \u201eautofiktiven Geschichten\u201c vorliest, bereits 90 Jahre alt sein soll! \u201eIm Kielwasser der Zeit\u201c hat Maria Bosse-Sporleder ihr neues Buch betitelt. Ein treffender Titel f\u00fcr eine Geschichtensammlung, die nicht nur die halbe Welt von Russland bis nach Kanada durchmisst, sondern auch anderthalb Jahrhunderte von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Eine Schiffsreisende zwischen sehr unterschiedlichen Welten erz\u00e4hlt da von ihrer Kindheit in Tallinn (damals Reval, in Estland), von deutscher und sowjetischer Besatzung, von Flucht und Emigration, vom Studium in Kanada und Frankreich, von beruflichen Stationen als Dozentin f\u00fcr deutsche Sprache und Literatur in Finnland und Kanada sowie von wiederholten Reisen zur\u00fcck zu den hinter ihr liegenden Schaupl\u00e4tzen ihres bewegten Lebens. \u201eHerkunft\u201c \u2013 so sind ihre Erkundungsreisen in die Vergangenheit ihrer Familie \u00fcberschrieben. Gleich zu Beginn stehen \u201ewei\u00dfe Servietten\u201c symbolisch f\u00fcr eine mit Kinderm\u00e4dchen und K\u00f6chin gut situierte Familie von selbstst\u00e4ndigen Kaufleuten, in die sie hineingeboren wurde.<\/p>\n<p>In einer der Kindheitsgeschichten erinnert sie sich an die sonnt\u00e4glichen Besuche ihres Gro\u00dfvaters v\u00e4terlicherseits \u2013 da erscheint vor ihrem inneren Auge seine gro\u00dfe Gestalt mit schwarzem Mantel und Pelzm\u00fctze, auf schneebedeckter Stra\u00dfe. Er h\u00e4lt im Arm eine T\u00fcte mit leuchtenden Orangen, \u201eweil die gut sind f\u00fcr die Kinder\u201c \u2013 sie sind damals so kostbar, dass man sich normalerweise nur zu Weihnachten eine Orange g\u00f6nnt. Solche Bilder sind es, die den oft mit \u00fcberraschenden Wendungen aufwartenden Geschichten Leben und einen gewissen Glanz verleihen.<\/p>\n<p>Ihr siebter Geburtstag: Erinnerungen an den Geburtstagstisch mit wei\u00dfer Spitzentischdecke, an den Schulranzen aus Pappe als Geburtstagsgeschenk, an unbeschwerte Spiele im sonnigen Garten \u2013 es ist der 27. September 1939, bald soll sie in die Schule kommen, aber an diesem Tag erliegt das lange umk\u00e4mpfte Warschau dem Ansturm der deutschen Wehrmacht: \u201eNicht ahnte ich, dass \u2013 kaum f\u00fcnf Wochen sp\u00e4ter \u2013 wir mitsamt Pappranzen und unserer gesamten Habe auf einem Schiff den Hafen Revals verlassen w\u00fcrden, einem drohend unbekannten, einem Umsiedlerleben entgegen.\u201c<\/p>\n<p>Solche Einzelepisoden aus der Kindheit oder von sp\u00e4teren Reisen in die alte Heimat wechseln ab mit den rekonstruierten Kurzbiografien ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern, die so spannend und ungew\u00f6hnlich verlaufen, dass man ihnen staunend folgt. Und wo es an Fakten mangelt, erg\u00e4nzt sie die Lebensgeschichten mit ihrer Vorstellungskraft. Da ist zum Beispiel das Leben des Gro\u00dfvaters m\u00fctterlicherseits (1858\u20131938): erfolgreicher Gesch\u00e4ftsmann, bekleidete \u00f6ffentliche \u00c4mter, erkrankte an Tuberkulose. Nach der Heilung in Davos: Weltreise \u00fcber Kanada, USA, Japan, China, Indien, \u00c4gypten und Italien in die Schweiz. Ein Foto von dieser Reise zeigt ihn als \u201eLichtgestalt mit wei\u00dfem Anzug und Tropenhelm neben einem \u2026 Inder, der einen Elefanten f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Als noch dramatischer beschreibt die Autorin das Leben ihres Vaters (1889-1971): Der Ingenieur f\u00fcr Schiffsbau macht auf seiner \u201eJungfernfahrt\u201c \u00fcber den \u00c4quator Heizerdienst tief unter Deck, vier Stunden Kohlen schaufeln. Jahre sp\u00e4ter, als Juniorchef der Seeversicherungsgesellschaft in Tallinn, wird er mit einem Notruf an Bord eines im Hafen auf Grund gelaufenen Schiffs gerufen \u2013 und l\u00e4sst daf\u00fcr seine Braut eine Dreiviertelstunde vor dem Traualtar warten \u2026 Es sind immer wieder solche Wechself\u00e4lle des Lebens, F\u00fcgungen, Anekdoten, mit denen die Autorin Farbe in ihre Geschichten bringt.<br \/>\n1941: W\u00e4hrend seine Familie bereits 1939 Estland verlassen hat, h\u00e4lt der Vater die Stellung in der v\u00e4terlichen Firma. Dann wird auch er von den Sowjets zur Umsiedlung gezwungen und muss bei der Gep\u00e4ckkontrolle mit ansehen, wie ein Kommissar stapelweise Dokumente aus seinen Aktenordnern rei\u00dft: Da liegen dann s\u00e4mtliche Belege f\u00fcr seine zur\u00fcckgelassenen Besitzt\u00fcmer am Boden der Zollbaracke verstreut.<br \/>\n1942: Auf Gesch\u00e4ftsreise in Berlin wird der Vater eines Nachts von der Gestapo verhaftet. \u201eDie peinigende Sorge: Er hat Hitler-Witze erz\u00e4hlt, von seiner kritischen Haltung keinen Hehl gemacht. Erst nach Wochen die Kl\u00e4rung: Er wird eines Wirtschaftsverbrechens bezichtigt, das gar nicht stattgefunden hat.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Krieg landet er mit seiner Familie zun\u00e4chst als Fl\u00fcchtling im deutschen Bad Kissingen; dann Weiterreise zu Verwandten nach Kanada. Jobs als Lagerverwalter, Tellerw\u00e4scher, schlie\u00dflich Existenzgr\u00fcndung als Fotograf, mit Fotostudio im Wohnzimmer und Labor im Bad. Man kann sich nur wundern \u00fcber diesen \u00dcberlebensk\u00fcnstler, dessen Tod die schreibende Tochter mit bewegenden Worten beschreibt: \u201eAm Sp\u00e4tabend noch eine Morphiumspritze. Seine Augen sind weit offen; er sieht etwas, was die Tochter nicht sieht. Sie h\u00f6rt ihn Worte formen, erkennt den Namen seiner Heimatstadt. Fr\u00fch morgens ist sie kurz eingenickt. Wird sie wach, weil sie seinen Atem nicht mehr h\u00f6rt?\u201c Kein Wort zu viel, da zeigt sich die sprachliche Kunstfertigkeit der Maria Bosse-Sporleder.<\/p>\n<p>Weniger interessant f\u00fcr mit Tallinn\/Estland nicht vertraute Leser sind die Besuche der Autorin in den Stra\u00dfen und H\u00e4usern, wo sie fr\u00fcher gewohnt hat. Aber dann folgt da \u00fcberraschend eine stilistisch interessante Textform: \u201e36 S\u00e4tze \u00fcber meine Mutter\u201c. Kein zusammenh\u00e4ngend erz\u00e4hlter Lebenslauf, sondern einzelne Protokollnotizen, die dramatische Erlebnisse oder pers\u00f6nliche Charakteristika dokumentieren:<br \/>\n\u201eSie floh mit ihrer Mutter und ihren beiden j\u00fcngeren Schwestern 1918 vor den Bolschewiken nach Berlin \u2026<br \/>\nSie verga\u00df, panisch vor Sorge um ihre kranke Tochter, auch nur das Geringste zum Essen einzupacken, als die Familie am 20. Januar 1945 vor den Sowjets fl\u00fcchten musste &#8230;<br \/>\nSie st\u00fcrzte sich als \u201alanded immigrant\u2018 in Montreal mit den 50 Dollar Handgeld zum Einkauf in den Supermarkt, ohne ein Wort Englisch zu k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nAllerdings: <em>Weniger<\/em> \u2013 also die Verdichtung, die Verk\u00fcrzung auf 25 S\u00e4tze \u2013 w\u00e4re hier <em>mehr<\/em> gewesen.<\/p>\n<p>Stilistisch originell auch der Text \u00fcber die \u201eKleider meiner Mutter\u201c: Sie erinnert sich an eine silberne G\u00fcrtelschnalle \u2026 \u201eund pl\u00f6tzlich ziehe ich aus den Tiefen meines Bewusstseins \u2026 die Kleider meiner Mutter hervor. Und h\u00e4nge sie auf die Leine meines Schreibens, jetzt. Da ist das luftige Sommerkleid \u2026 Da ist das Herzdame-Kleid zum Kost\u00fcmball \u2026 Das schwarze Kost\u00fcm. Ich betrachte es auf dem Passfoto, das sie wohl machen lie\u00df, als sie 1939 Estland verlassen musste. Sie sieht sehr respektabel darin aus. \u2026 Es wird in meinem Kleiderschrank h\u00e4ngen bleiben. F\u00fcr wen?\u201c<\/p>\n<p>Den kleineren zweiten Teil des Buches bilden mal l\u00e4ngere, mal k\u00fcrzere Erz\u00e4hlungen von \u201eBegegnungen\u201c. Teils in der Ich-Form, teils in der dritten Person \u2013 ob die Autorin dies alles selbst erlebt hat, bleibt offen, ungesagt, bleibt in der Schwebe, wie so manches in ihren Geschichten. Da beschreibt sie beispielsweise die Vorgeschichte eines ersten Rendezvous im Kindesalter, wobei es erst im letzten Satz zu der ersehnten Begegnung kommt. Oder sie erz\u00e4hlt von Begegnungen mit einem ihrer Professoren \u00fcber 30 Jahre hinweg, eine Freundschaft, die erst beim letzten Zusammentreffen in einer vorsichtigen Umarmung gipfelt.<\/p>\n<p>Es geht meist um kurze, aber intensive Begegnungen, bei denen sich N\u00e4he einstellt, in denen emotionale Spannung oder wortloses Verstehen, in denen Anziehung mitschwingt. Mal gibt es nur ein einziges Zusammentreffen, mal wiederholte Treffen in verschiedenen Lebensaltern, wie bei Robert: \u201eSie hatten sich aufeinander zu geschrieben, einander verschrieben.\u201c Das liest sich wie der Beginn einer Paarbeziehung. Dann jedoch, kurz bevor es ernst wird: \u201eUrpl\u00f6tzlich hat ihre Welt sich gedreht; nichts ist mehr, wie es war \u2026 Nicht in Roberts Arme fallen, nein! Er wird fassungslos sein, traurig, verletzt. Sie wei\u00df es. Und doch wird sie das Unerh\u00f6rte tun, sich selbst um eine \u00dcberraschung voraus. Frei.\u201c Trotzdem wird daraus eine lebenslange Freundschaft.<\/p>\n<p>Vor Anker gegangen ist Maria Bosse-Sporleder schlie\u00dflich in Freiburg: als Dozentin f\u00fcr Deutsch an der PH, als Leiterin von Schreibwerkst\u00e4tten (seit 40 Jahren!), als Lyrik-Kolumnistin bei der Badischen Zeitung und als Buchautorin: \u201eIm f\u00fcnften Koffer ist das Meer\u201c (2012) Auch sie eine \u00dcberlebensk\u00fcnstlerin \u2013 nicht zuletzt mit Schreiben als \u00dcberlebensstrategie, so m\u00f6chte man vermuten. Ein wechselvolles Leben, reich an Begegnungen und an Eindr\u00fccken aus den verschiedensten gesellschaftlichen Kontexten.<\/p>\n<p>Was bleibt als Ertrag des Buches haften? Den Schilderungen der \u201eBegegnungen\u201c gemeinsam ist ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr das Verbindende zwischen den Menschen, f\u00fcr das, was unausgesprochen mitschwingt, f\u00fcr Resonanz (oder deren Abwesenheit) \u2013 eine Anregung f\u00fcr die Leser:innen, bei eigenen Begegnungen darauf mehr zu achten und ein \u00e4hnliches Gesp\u00fcr zu entwickeln. Eine solche Klammer und Essenz vermisst man bei den Geschichten \u00fcber die Herkunft, die famili\u00e4re Vergangenheit der Autorin. Sie verbleiben weitgehend auf der Ebene der nostalgischen R\u00fcckschau, der privaten Spurensuche, der Sammlung von Erinnerungen, der ehrenden Nachrufe. Warum sollte man sie heute lesen? W\u00fcnschen w\u00fcrde man sich \u2013 als Destillat reicher Lebenserfahrung \u2013 so etwas wie Orientierungsbojen oder Halteseile f\u00fcr unser eigenes \u00dcberleben im Strudel der Herausforderungen, im alles mitrei\u00dfenden Kielwasser <em>unserer<\/em> Zeit.<\/p>\n<p><em>Im Kielwasser der Zeit. Autofiktive Geschichten<\/em>, 176 Seiten, Derk Jan\u00dfen Verlag, Freiburg 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberlebensk\u00fcnstler im wogenden Meer der Geschichte Mit ihrer Stimme, die mal zart, mal kraftvoll klingt, zieht die \u00e4ltere Dame die Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer gleich in ihren Bann. 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