„Die Beschreibung von Menschen, die niemanden außer mich interessieren.“ Im Rahmen des Freiburger Literaturgesprächs sprach Maria Stepanova mit Übersetzerin Olga Radetzkaja über „Nach dem Gedächtnis“.

Maria Stepanova (rechts) mit Dolmetscherin Dr. Elisabeth Liphardt. Bild: Patrik Schulz

Dass Maria Stepanova von Haus aus Lyrikerin ist, merkt man ihrer Prosa an: Poetisch, präzise ausgefeilt und niemals oberflächlich beschreibt sie in „Nach dem Gedächtnis“ Einblicke in die Geschichte ihrer Vorfahren. Die erinnernden Texte beginnen Anfang des 20. Jahrhunderts und spielen an vielen Orten, in verschiedenen Kulturräumen nicht nur Russlands, sondern auch Europas. In Russland ist das Buch bereits auf besonderes Interesse gestoßen, doch es ist gerade auch für uns Europäer spannend.

Übersetzerin Olga Radetzkaja hat diesen vielschichtigen Text nicht nur sensibel übersetzt, sondern sich, wie sie glaubhaft macht, bei dieser Arbeit auch in den Text verliebt. Eine gute Ausgangsbasis für ein lebendiges Gespräch am dritten Tag des Freiburger Literaturgesprächs, das von Dr. Elisabeth Liphardt bewunderungswürdig gedolmetscht wurde. Stepanova ist den Spuren ihrer Familie auch reisend und recherchierend nachgegangen, hat Dokumente wie Briefe, Fotos, Chroniken in den Roman integriert, auch indem sie sie kunstvoll nacherzählte. Vom „Gedächtnisraum des 20. Jahrhunderts“ sprach Radetzkaja, der gewissenhaft erkundet werde – mit dem Blick von außen auf unser altes Europa. Tatsächlich hat Stepanova schon als Kind „die Verpflichtung gespürt“, die Familiengeschichte aufzuschreiben und in einem Schulheft damit begonnen. Dann aber hat sie die Aufgabe lange vor sich hergeschoben. Warum sollte sie „das Leben von Menschen beschreiben, die außer mir niemanden interessieren?“ Es sei ihr im Grunde um Gerechtigkeit gegangen, erzählt sie, darum, jede einzelne Person aus dem Vergessen in die Erinnerung zurück zu heben. Ein eigentlich unmögliches Unterfangen, das durch den sehnsüchtig-liebevollen Blick der Autorin dennoch Sinn bekommt.

 

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