Lesetipp: „Wie ist das so, wenn man so alt ist?“ Jess Jochimsen erzählt es uns, in seinem neuen Roman „Abschlussball“.

Wie schon „Was sollen die Leute denken“ ist auch dieser Roman eine Erzählung von einem, der nicht normal funktioniert, obwohl er es eigentlich möchte. Diesmal ist aber alles noch viel komplizierter. Und wer vom Kabarettisten Jess Jochimsen ein komisches Buch erwartet, wird diesmal erst recht enttäuscht. Oder auch wieder nicht. Nachdenklich, langsam, fast ungelenk und zum Heulen skurril tappt der Ich-Erzähler durch seine Geschichte, die nicht nur in den Münchner Schauplätzen und der Titelillustration an Karl Valentin erinnert. Ein Entwicklungsroman der anderen Art.

Marten, Beerdigungstrompeter und auch sonst dem Leben deutlich abgewandt, gerät in Turbulenzen, als er die Bankkarte seines verstorbenen Klassenkameraden findet. Mit ihrer Hilfe tritt er in einen seltsamen Dialog mit dem Toten ein, der ihn verändert. Er hat sich schon als Kind alt gefühlt, jetzt verliebt er sich wie ein Teenager in eine Frau, die er schon ewig kennt und macht auch sonst nur Dummeiten – bis zum Zusammenbruch, der zum Glück kein endgültiger ist. Gerahmt werden die sechs Romanteile durch gekonnt lockere, lyrische Passagen, die sich am Ende als Antworten an die neunjährige Trompetenschülerin Anne herausstellen. Ganz wie einst ihr Lehrer hat sie noch keine einzige Note geblasen und weigert sich, das Instrument auch nur anzufassen. Stattdessen stellt sie eine nur scheinbar einfache Frage: „Wie ist das so, wenn man so alt ist?“

Jess Jochimsen, Abschlussball. Roman. dtv, 20 €

http://jessjochimsen.de

 

 

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